Media Spree – Abgesang auf einen gebrochenen Mythos

Zum 31. Dezember des verflossenen Jahres 2008 ist der eingetragene Verein „Media Spree“ aufgelöst worden. Sang- und klanglos, muss mensch sagen. Denn nicht eines jener Lokalmedien, die zuvor jahrelang willfährigen PR-Journalismus für private Investoreninteressen geliefert hatten, hielt dieses Ereignis dann noch für einer Meldung wert.

den Bach runter

Ein Blick zurück: Irgendwann 2000 oder 2001 wurde die „Media Spree GmbH“ aus der Taufe gehoben. Gegründet von einer Handvoll Immobilienentwicklern und Großgrundstücksbesitzern an der Spree, sollte „Media Spree“ zu einer Marke, einem neuen Standort herbeigeredet werden, wo bislang nur Mauerstreifen und Industriebrache gewesen waren – zumindest in den Augen bauwütiger Wachstumsfetischisten.

Anfang der 90er waren die Grundstücke am Spreeufer noch überaus teuer gehandelt worden, aber dann stieg Berlin doch nicht zur Global City auf, die Konzernzentralen zog es nicht in die neu erkorene Hauptstadt, und die Bevölkerung stieg wider Erwarten (wessen eigentlich?) nicht sprunghaft auf 5 Millionen an. Das Baugeschehen konzentrierte sich zunächst rund um Friedrichstraße, Potsdamer Platz und Regierungsviertel. Für die schick-monströsen Headquarter-Entwürfe einiger eigens engagierter Stararchitekten, die am Friedrichshainer Spreeufer hingewürfelt werden sollten, interessierte sich kaum jemand. Nach und nach verschwanden sie in den Schubladen.

Die Marketing-Kampagne „Media Spree“ sollten den Karren dann – zwar nicht direkt am eigenen Schopf, sondern mithilfe der New Economy – aus dem Dreck ziehen. Die Medienindustrie war als eine der wenigen Chancen Berlins zur Qualifizierung des Wirtschaftsstandorts auserkoren worden, und wenn sich alle sprießenden Medienklitschen nun entlang der Spree konzentrieren würden, dann gäbe das sicherlich ein großes Hallo: Im Handumdrehen wäre ein repräsentatives Waterfront Development Projekt geschaffen, damit wiederum ein wundertolles Aushängeschild des neuen, erfolgreichen Berlins. Dumm nur, dass der New Economy Crash dazwischen kam, noch bevor das Standortmarketing für „Media Spree“ überhaupt ins Rollen gekommen war.

„Spreeaktiv vs. Hauptstadtmief“ hießen 2002 erste Versuche, das Projekt Media Spree in der linken Szene zu thematisieren. Doch die anvisierte Aktionswoche Ende Mai des Jahres verlief ebenfalls im Sande, bevor sie so recht begonnen hatte. Lange Zeit waren die Internetseiten der Köpi die einzige auffindbare Quelle, die überhaupt eine kritische Einschätzung zu den Bauplanungen rund um „Media Spree“ lieferte.

In den folgenden Jahren mauserte sich „Media Spree“, noch immer als privat finanzierte GmbH, durch beständige Presse- und Lobbyarbeit zu einem Begriff mit gewisser Bekanntheit. Diverse LokaljournalistInnen griffen das Thema gerne auf, und machten sich auch keine große Mühe, irgendwelche kritischen Stimmen als Zierat für ihre investitionsbegeisterten Berichte aufzutreiben: In den alle paar Monate erscheinenden Berichten wurde stets beteuert, dass es nun wirklich bald mal mit den großen Bauprojekten losgehen werde, und dass dann alles schön schick und neu werde, und obendrauf noch zehntausende Arbeitsplätze.

Weil die freien Kräfte des Marktes doch eher kraftlos zu sein schienen, half bald die Hand des Berliner Senats großzügig aus: Finanzstarke Unternehmen wie Universal Music, MTV Europe oder Anschutz Entertainment wurden mittels Millionengeldern an die Spree geködert. Damit sich endlich mal was bewegte. Obendrein wurde das weitgehend durch öffentliche Gelder finanzierte „Regionalmanagement Media Spree e.V.“ klar gemacht. Nun, wo die Kohle vom Staat (bzw. von der EU) kam, waren auch viel mehr Immobilienentwickler bereit, sich im Eigeninteresse am Standortmarketing zu beteiligen.

An diesem Punkt, an dem das Projekt Media Spree also empfindlich Fahrt aufzunehmen drohte, kam es zu einem zweiten Anlauf zur Formierung einer Gegenbewegung: Beim Euromayday und dem transgenialen CSD 2006 war grundsätzliche Kritik gegenüber „Media Spree“ und der Stadtumstrukturierung entlang der Spree auffällig präsent, und zu einer Veranstaltung im August wurde dann auch die zündende Parole „Media Spree versenken!“ gefunden.

a claim is born...

Der weitere Verlauf dürfte etwas bekannter sein: Zahlreiche Veranstaltungen, Kiezspaziergänge, Infostände und Störaktionen bei Media-Spree-Werbeevents rüttelten all jene auf, die die offizielle Stadtplanung und steigende Mieten ohnehin schon gehörig nervten. Auch die Lokalpresse kam schließlich um eine Darstellung der Kritik nicht mehr herum, als der Erfolg der Unterschriftensammelei zum Bürgerbegehren absehbar wurde. Immer noch waren viel Engagement und Ausdauer nötig, doch mehr und mehr Leute kamen hinzu und halfen mit.

Schließlich ein Feuerwerk des Endspurts zum Bürgerentscheid: Die Spreeblockade gegen einen Investorendampfer, die Spreeparade, und das Ergebnis der 87%igen klaren Ablehnung der Media-Spree-Pläne.

Spätestens an diesem Punkt war klar, dass das Marketing der Media-Spree-Strategen nicht gegriffen hat. Statt in der Öffentlichkeit ein hegemoniales Standortimage zu installieren, das den großen Investitionen Vorrang vor allen anderen Interessen einräumt und Widerspruch gar nicht erst aufkeimen lässt, wird – seit dem Frühjahr 2008 unübersehbar – „Media Spree“ zuallererst mit Protest verbunden.

Die Deutungshoheit des Investorenmarketings ist also gebrochen, nein sogar in ihr Gegenteil verkehrt worden. Eine wirklich beeindruckende Erfolgsgeschichte des Widerstands gegen eine Stadtentwicklung, die sich den Wirtschaftsinteressen einiger Weniger unterordnen sollte. „Media Spree“ hatte definitiv verloren, der Begriff ist für den vorgesehenen Zweck sicherlich erstmal wertlos geworden. Die Abwicklung des Vereins erscheint so nur logisch.

Das heißt aber nicht, dass die hinter dem „Regionalmanagement“ stehenden Immobilienentwickler nun einfach aufgeben und ihre Pläne fallen lassen würden. Im rot-roten Senat haben sie nämlich sichere Verbündete, die eine Umsetzung der Forderungen aus dem Bürgerentscheid um nahezu jeden Preis verhindern werden.

So erscheint auch klar, dass den Deputierten im bezirklichen „Sonderausschuss“, der die Konsequenzen aus dem Bürgerentscheid verhandeln soll, kaum Verhandlungsmacht bleibt. Nur wenn der Druck auf der Straße wieder verstärkt wird, kann den Investoreninteressen wirkungsvoll entgegen getreten werden.


2 Antworten auf “Media Spree – Abgesang auf einen gebrochenen Mythos”


  1. 1 Abgesang auf Mediaspree « Auf zu neuen Ufern – Mediaspree entern! Pingback am 02. März 2010 um 14:03 Uhr
  2. 2 Abgesang auf Mediaspree « Mediaspree versenken! // Spreepirat_innen Pingback am 19. März 2011 um 21:15 Uhr
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